Folgen von sexuellem Mißbrauch bei Mädchen und Jungen

Die meisten Forschungsansätze diskutieren folgende grundlegende Fragen:

  1. Von welchen Faktoren hängt das Ausmaß der Schädigung ab?
  2. Ist sexueller Mißbrauch von anderen Faktoren, wie etwa emotionellen Vernachlässigung oder körperlicher Gewalt, abhängig?
  3. Gibt es Kinder und Erwachsene, bei denen ein sexueller Mißbrauch keine erkennbaren Schädigungen hinterläßt?
  4. Unterscheiden sich die Folgen bei Mädchen und Jungen?

Zu den jeweiligen Forschungsansätzen ist folgendes aus methodologischer Sicht kritisch anzumerken:

BANGE/DEEGENER (1996, 72) stellten fest, daß die elterlichen Reaktionen einer der wichtigsten Faktoren für den Grad der Traumatisierung sind. Interessant ist hierbei, daß bezeichnenderweise die Väter als Täter so gut wie nie in die Untersuchungen einbezogen wurden.

Der Psychoanalytiker FERENZI stellte bereits 1933 (in EGLE 1997) eine traumatische Beziehungsabfolge dar, die auch noch heutigen Erkenntnissen standhalten dürfte:

Dadurch entsteht zwangsläufig eine ‘Konfusion’, die Verwirrung, das Verrückt-werden an der erlebten Realität.

Ein überraschendes Ergebnis einiger Forschungsvorhaben über sexuellen Mißbrauch bei Jungen war die Tatsache, daß Erleben und Auswirkung von sexuellem Mißbrauch bei Mädchen und Jungen sehr ähnlich sind. Das ist um so bedeutsamer, als Jungen seltener von Familienangehörigen sexuell mißbraucht werden. Zudem sind sexuelle Probleme im allgemeinen bei Jungen anders gelagert als bei Mädchen. Hinzu kommt bei den Jungen häufig auch noch das Stigma der Homosexualität (FINKELHOR 1990, 325).

Die folgende Übersicht gibt Symptome und emotionale Reaktionen bei Opfern von sexuellem Mißbrauch wieder.

GEFÜHLSEBENE
frühe Kindheit (bis 3 Jahre) Verhaltensebene
  • angenehme und unangenehme Empfindungen
  • Angst
  • Verwirrung
  • Schlaf-, Eßstörungen, Tendenz zu Verhaltensextremen
  • Angst vor Fremden, Rückzug
  • altersunangemessenes sexuelles Spielen
Vorschulalter (3 bis 6 Jahre) Verhaltensebene
  • angenehme und unangenehme Empfindungen
  • Verwirrung
  • Angst
  • Scham
  • Schuldgefühle
  • Gefühl der Schutz- und Hilflosigkeit
  • Wut
  • Angst, beschädigt und verdorben zu sein
  • regressives Verhalten: Babysprache, Bettnässen
  • Daumenlutschen, Festklammern
  • Rückzug
  • Schlafstörungen (Alpträume)
  • aggressives Verhalten
  • willfähriges Verhalten
  • häufiges und ausdauerndes sexuelles Spielen
  • öffentliches und andauerndes Masturbieren
Schulalter (6 bis 9 Jahre) Verhaltensebene
  • ambivalente Gefühle Erwachsenen gegenüber
  • Verwirrung über die Geschlechtsrollenverteilung, Rollenverteilung innerhalb der Familie
  • Angst, Scham
  • Schuldgefühle
  • Unruhe und Unsicherheit
  • Wut
  • Angst, beschmutzt und beschädigt zu sein
  • Mißtrauen
  • sozialer Rückzug
  • Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schlaf- und Eßstörungen
  • aggressives Verhalten, plötzliches, unerklärliches Schulversagen
  • Probleme, Grenzen einzuhalten
  • Willfährigkeit
  • Zwangshandlungen wie exzessives Baden, Waschen
  • sexuelles Ausagieren mit Gleichaltrigen und jüngeren Kindern
  • sexuell provozierendes Verhalten
  • keine adäquaten sozialen Beziehungen
Schulalter (9 bis13 Jahre) Verhaltensebene
  • ambivalente Gefühle gegenüber Erwachsenen
  • Wut, Angst, Scham
  • Schuldgefühle
  • Depressionen
  • Angst, beschädigt zu sein
  • Gefühl der Inkompetenz
  • Mißtrauen
  • Selbstmordgedanken
  • sozialer Rückzug, keine adäquaten sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen
  • Schule schwänzen
  • manipulatives Verhalten anderen gegenüber
  • sexueller Mißbrauch von jüngeren Kindern
  • promiskuitives Verhalten
Adoleszenz (13 bis 18 Jahre) Verhaltensebene
  • Wut, Scham
  • Schuldgefühle
  • sich betrogen fühlen, Mißtrauen
  • selbstdestruktives Verhalten, Drogenkonsum
  • von zu Hause weglaufen
  • aggressives Verhalten, Ausbeuten anderer
  • Übernehmen der Opferrolle
  • Vermeiden körperlicher und emotionaler Intimität
  • Selbstmordversuche

Symptome und emotionale Reaktionen nach sexuellem Mißbrauch in verschiedenen Altersphasen
(nach Woltereck, 1994, 83) in May 1997 © 1997 Donna Vita

Die wichtigsten Folgeerscheinungen nach sexuellem Mißbrauch bei Kindern zeigt die nachfolgende Übersicht auf. Diese Symptombereiche werden wesentlichen von den meisten Untersuchungsergebnissen bestätigt.

Körperliche Symptome von Mädchen und Jungen

Verletzungen

Bißwunden, Hämatome und Striemen im Genitalbereich, an den Innenseiten der Oberschenkel und in den erogenen Zonen Blutungen, Risse, Abschürfungen, Rötungen und Wundsein an der Vulva, am Vaginaleingang, in Vagina, After, Penis, Hoden, Gegenstände in der Vagina, im After

ungewöhnliche Dehnungen der Vagina, des Afters

Körperliche und psychosomatische Symptome

Speziell bei Mädchen:

Speziell bei Jungen:

Psychische/emotionale Symptome bei Mädchen und Jungen

Speziell bei Mädchen:

Speziell bei Jungen:

Änderungen im Sozialverhalten von Mädchen und Jungen

Speziell bei Jungen:

Speziell bei Mädchen:

Speziell bei Jungen:

Zusammenfassend lassen sich im wesentlichen die folgenden Verhaltensweisen benennen:

(May 1997, 325 ff)

In den neueren Diskussionen um die Auswirkungen des sexuellen Mißbrauchs auf das Leben der betroffenen Mädchen und Jungen ist besonders die "posttraumatische Belastungsstörung" in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit der Fachwelt gerückt.

Wenn ein solches Trauma wie der sexuelle Mißbrauch immer wieder bei einem Kind oder einer Jugendlichen auftritt, kann es zu einer dissoziativen Störung kommen, die auch "Multiple Persönlichkeitsstörung" genannt wird und erst in den letzten Jahren durch die Mißbrauchsdiagnostik der Forschung zugänglich wurde. Multiplizität muß so verstanden werden, daß die betroffene Patientin unter extrem starkem innerem und äußerem Druck vor dem Schmerz, vor der Erniedrigung und vor dem Entsetzen "flüchtet", indem sie weitere Persönlichkeiten und Persönlichkeitsfragmente in sich hervorbringt, die sich in Alter, Geschlecht und Persönlichkeitsmerkmalen voneinander unterscheiden (Taylor 1997, 51).

Solche verschiedenen Persönlichkeiten können dann die schwere Bürde der Belastung gleichermaßen gemeinsam unter sich auf teilen, die für eine einzige Person zu schwer zu ertragen ist. Die Entwicklung einer solchen multiplen Persönlichkeit muß in erster Linie als eine wichtige Überlebensstrategie für die von sexueller Gewalt betroffene Menschen erkannt werden. Diese außergewöhnliche Bewältigungsform kann mißbrauchten Mädchen und Jungen helfen, mit der problematischen Lebenssituation zurechtzukommen und ihre Psyche vor der totalen Zerstörung zu retten. In der Fachliteratur wird demgemäß bei dieser Störung nicht nur von "Abwehrmechanismus", sondern auch von "Bewältigungsmechanismus" gesprochen (Egle u.a. 1997, 198).

Es gibt in der psychiatrischen Diskussion Kontroversen über die Zuordnung der o. g. "posttraumatischen Belastungsstörungen" und der sog. "Multiplen Persönlichkeitsstörung". Wir favorisieren den Begriff "Dissoziative Identitätstörung" entsprechend den Kriterien des DSM - IV (1996) als Folge des sexuellen Mißbrauchs bei Jungen und Mädchen.

Fenster schließen www.ZISSG.de